Kopf-Hals-Tumorzentrum
Ein kleiner Pieks kann Leben retten: HPV-Impfung
Teilnehmer der Diskussionsrunde tauschten sich über aktuelle Herausforderungen im Gesundheitswesen aus. Von links: Dr. Carsten Scholz (Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe), Prof. Dr. Antoniu-Oreste Gostian (Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde), Dr. Magdalena Gostian (Gesundheitsamt), Dr. Albert Solleder (Bürgermeister und Chirurg im MVZ), Johann Ertl (Vorsitzender des ÄBV Straubing und Geschäftsführer des Ärztenetzes DonauMed), Kinderärztin Rita Berger, Dr. Thomas Lang (Gesundheitsamt) sowie die Chefredakteurin des Straubinger Tagblatts Monika Schneider-Stranninger.
Das kann man über keine andere Impfung sagen: Sie schützt sicher und wirksam vor mehreren Krebsarten. Langfristig birgt sie die Chance, bestimmte Krebsarten nahezu von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Die Rede ist von der HPV-Impfung (HPV = Humane Papillomviren), die bestenfalls Kindern – Mädchen wie Buben – im Alter zwischen neun und 14 Jahren verabreicht werden soll. Hierzulande lässt im Vergleich zu anderen europäischen Ländern die HPV-Impfquote noch Luft nach oben, Bayern zählt unter den Bundesländern sogar zu jenen mit den geringsten Quoten.
Genau deshalb steht die HPV-Impfung im Mittelpunkt der alle zwei Jahre von der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft Impfen (LAGI) ausgerufenen Bayerischen Impfwoche (3. bis 12. Juli). Gesundheitsamt, Stadt Straubing, niedergelassene wie Klinik-Ärzte und die AOK als größte Krankenkasse vor Ort motivieren in diesem Rahmen in einem Pressegespräch gemeinsam Eltern, Kinder und Jugendliche, Vorbehalte abzubauen, sich zu informieren und die Chance zu nutzen, späteren lebensbedrohlichen Erkrankungen vorzubeugen. Nur mit einem Pieks.
Eine der erfolgreichsten Krebspräventionen
In Deutschland sterben jährlich rund 1.600 Frauen und 400 Männer an HPV-bedingten Krebserkrankungen, verdeutlicht Dr. Magdalena Gostian vom Gesundheitsamt Straubing-Bogen. Gleichzeitig zeigten aktuelle wissenschaftliche Studien eine nahezu vollständige Schutzwirkung der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs, sofern sie rechtzeitig erfolgt. Auch HPV-Infektionen und Krebsvorstufen gingen damit deutlich zurück. Australien gelte aufgrund seines erfolgreichen Schul-Impfprogramms als Vorreiter und habe Gebärmutterhalskrebs nahezu eliminiert. Sie hält vor Augen, dass die Zahl der durch die HPV-Impfung verhinderten Todesfälle in den kommenden Jahren weiter steigen werde, da die geimpften Jahrgänge das Alter, in dem die Erkrankung am häufigsten auftritt, erst noch erreichten. Ihr Fazit: „Die HPV-Impfung ist eine der erfolgreichsten Maßnahmen der Krebsprävention.“
Bei Impfungen gegen Masern, Mumps, Röteln oder Tetanus betrage die Impfquote 95 Prozent, sagt Dr. Thomas Lang , Leiter des Gesundheitsamtes. Gegen HPV seien hingegen hierzulande nur 50 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen geimpft. Die WHO verfolge das Ziel, dass mindestens 90 Prozent der Mädchen bis zum 15. Lebensjahr gegen HPV geimpft seien. Island, Portugal, Norwegen, Dänemark, Spanien und Schweden hätten dieses Ziel bereits erreicht. Sie gelten als Vorreiter der globalen Strategie zur Ausmerzung des Gebärmutterhalskrebses. Die Impfung sei wichtig für beide Geschlechter. Und vor allem solle die Impfung vor den ersten sexuellen Kontakten erfolgen. HPV wird über Haut- und Schleimhautkontakt übertragen. Lang verweist auf Präventionsbemühungen des Landratsamts, das im Zuge der Sexualpädagogik Jugendliche in der siebten oder achten Jahrgangsstufe im Schulunterricht auch für HPV sensibilisiert.75 bis 80 Prozent aller Menschen infizieren sich
Humane Papillomaviren gehörten zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen, sagt Dr. Carsten Scholz , Chefarzt der Gynäkologie am Klinikum. 75 bis 80 Prozent aller Menschen infizierten sich im Laufe ihres Lebens. Allerdings: Die meisten Infektionen verliefen unbemerkt und heilten spontan aus. Bleibe eine Hochrisiko-Infektion aber bestehen, könne sich daraus über viele Jahre hinweg Gebärmutterhalskrebs entwickeln. Weltweit sei dieser Krebs die vierthäufigste Krebserkrankung bei Frauen. Auch sogenannte Feigwarzen (Kondylome) an den Schamlippen oder Krebsvorstufen etwa am Muttermund könnten durch nicht ausgeheilte HPV-Infektionen entstehen. Scholz appelliert, der aktuelle Neunfach-Impfstoff gegen HPV schütze vor den wichtigsten Hoch- und Niedrigrisikotypen und verhindere damit den überwiegenden Teil HPV-bedingter Erkrankungen. Die Impfung ändere nichts daran, dass gynäkologische Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen unverzichtbar seien.
HPV verursache darüber hinaus zunehmend auch Tumore im Mund-, Rachen- und Halsbereich, sagt Prof. Dr. Antoniu-Oreste Gostian , Chefarzt der HNO-Klinik am Klinikum. Bei diesen Patienten entwickelten sich Tumore unabhängig von klassischen Risikofaktoren wie Rauchen und Alkoholkonsum. Deshalb sei auch aus Sicht der HNO-Heilkunde die Prävention durch diese Impfung überaus sinnvoll.
Seit 2018 für Mädchen und Jungen empfohlen
Die HPV-Impfung werde seit 2007 empfohlen, seit 2018 sowohl für Mädchen wie Jungen, sagt Rita Berger , niedergelassene Kinderärztin. Jungen profitierten ebenfalls erheblich von der Impfung, denn HPV verursache jährlich rund 10.000 Erkrankungen in Deutschland, davon zu einem Drittel bei Männern. „Sie sind nicht nur Virus-Überträger, sondern erkranken auch selbst an HPV-verursachten Tumoren.“ Die STIKO empfehle die Impfung im Alter von 9 bis 14 Jahren, vor den ersten sexuellen Kontakten. Zwei Impfdosen seien in diesem Alter ausreichend, spätere Impfungen erforderten drei Dosen. Versäumte Impfungen sollten möglichst vor dem 18. Geburtstag nachgeholt werden, so ihr Rat. Die HPV-Impfung könne problemlos gemeinsam mit anderen Standardimpfungen verabreicht werden. Sie sei allgemein gut verträglich. Eine Gelegenheit, Eltern darauf aufmerksam zu machen, gebe es bei den Vorsorgeuntersuchungen U11 oder J1.Das empfohlene Impf-Alter falle häufig in die Übergangsphase zwischen kinder- und hausärztlicher Betreuung, macht Johann Ertl , Vorsitzender des Ärztlichen Bezirksverbands und Geschäftsführer des Ärztenetzes Donau Med, aufmerksam. Er motiviert die hausärztlichen Berufskollegen, das Thema anzusprechen. Und rät jedermann, bei Gelegenheit seinen Impfpass auf Aktualität zu überprüfen. Nachholimpfungen, auch in höherem Lebensalter, könnten sinnvoll sein. Eine begonnene Impfserie könne jederzeit vervollständigt werden, ausschlaggebend sei das Alter bei der ersten Impfung. „Jede Impfung zählt.“ Die Impfkosten im Kindesalter übernehmen die Krankenkassen, im Erwachsenenalter sind sie aus eigener Tasche zu zahlen.
Eine sehr sichere Impfung mit großer Datenbasis
Von einem generellen Informationsdefizit zur HPV-Impfung sprach Dr. Albert Solleder , niedergelassener Chirurg und Bürgermeister. Er will den Präventiv-Charakter in den Fokus stellen und setzt auf gemeinsame Bemühungen von Ärztlichem Kreisverband, Kinderärzten, Kliniken, Gesundheitsamt und Kommunalpolitik. Insbesondere Social Media solle genutzt werden, um junge Leute zu sensibilisieren, an den Impfzeitpunkt und die Auffrischung zu denken. Es handle sich um eine sehr sichere Impfung auf Basis einer weltweit großen Datenlage. „Ein kleiner Pieks verhindert lebensbedrohliche Erkrankungen.“ Der deutsche Professor Harald zur Hausen habe 2008 den Medizin-Nobelpreis für den von ihm bewiesenen Nachweis erhalten, dass Humane Papillomviren (HPV) Gebärmutterhalskrebs auslösen. Diese Entdeckung machte es möglich, einen Impfstoff gegen den Virus und somit gegen eine Krebserkrankung zu entwickeln.
Krankenkassen übernehmen Impfkosten
Bestehende Impflücken konsequent zu schließen, ist ganz im Sinne von Georg Kagermeier, Direktor der AOK-Direktion Straubing-Bogen/ Dingolfing-Landau. Jede rechtzeitig erfolgte Impfung schütze nicht nur die geimpfte Person selbst, sondern trage auch dazu bei, die Weiterverbreitung der Viren zu reduzieren und langfristig die Zahl HPV-bedingter Krebserkrankungen zu senken. Die HPV-Impfung für Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 17 Jahren gehöre zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung und werde vollständig übernommen. Die AOK Bayern gehe sogar über die gesetzlichen Vorgaben hinaus und übernehme für ihre Versicherten zwischen 18 und 25 Jahren die Kosten für die vollständige HPV-Impfung. Damit unterstütze die AOK gezielt junge Erwachsene dabei, versäumte Impfungen nachzuholen. Neben der Impfung bleibt die Krebsfrüherkennung ein zentraler Baustein der Vorsorge, betont auch Kagermeier. Auf aok.de finden Interessierte aktuelle Informationen rund um HPV, die Schutzwirkung und Sicherheit der Impfung sowie die geltenden Impfempfehlungen.
Quelle: Monika Schneider-Stranninger, Straubinger Tagblatt vom 09.07.2026
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

