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Tagesdurchschnitt über 100 Patienten

(21.01.2026)

Ein Interview mit Dr. Stefanie Lang, Chefärztin des Notfallzentrums

Dr. Stefanie Lang ist Leiterin des Notfallzentrums am Klinikum. Die ersten 100 Tage hat sie hinter sich. Das Metier ist alles andere als neu für sie, Notfallmedizin ist lange ihr Faible.

Notaufnahme. Das heißt Menschen im Ausnahmezustand. Patienten wie Angehörige. Mit einem akuten gesundheitlichen Problem, das erst mal eingeschätzt werden muss. Für Dr. Stefanie Lang (44) sind Menschen im Ausnahmezustand, ist Notaufnahme der Alltag. Seit September leitet sie das Notfallzentrum am Klinikum St. Elisabeth, seit Januar erstmals im Rang einer Chefärztin. Sie hat die Nachfolge des langjährigen Leiters Christian Thiel angetreten, der eine neue berufliche Herausforderung außerhalb des Klinikums gesucht hat. Neu ist die Internistin mit Fokus Notfallmedizin hier nicht. Seit 2015 ist sie schon hier tätig, seit 2019 als leitende Oberärztin. Sie hat ein Faible für diese Sparte der Medizin. „Es ist ein Privileg, dass Menschen an einem der schlimmsten Tage ihres Lebens Dich um Hilfe bitten, obwohl sie dich nicht kennen.“

Notaufnahme. Eine Schaltstelle, wo sich entscheidet, wie es weitergeht. Ob man bangen muss oder aufatmen kann. Wo diagnostiziert und ein akutes Gesundheits-Problem behandelt wird. Eines aus einer sehr großen Bandbreite. „Wir fragen nach Schmerzen“, sagt sie, die Angst der Patienten sei vielfach nicht kleiner.

365 Tage, 24 Stunden Teamleistung

Notaufnahme. 365 Tage, 24 Stunden. „Es gibt kein Sommerloch bei uns.“ Ein großes Team von 23 Ärzten und 76 Pflege- und Verwaltungsmitarbeitern arbeitet hier im Schichtdienst Hand in Hand. Teamleistung ist das A und O, viele Rädchen im Getriebe, von der Anmeldung bis zur Pflegekraft und zum Arzt, vom Labor bis zum Röntgen. Das ist eine Facette, die Dr. Stefanie Lang schätzt. Das Team sei jeden Tag aufs Neue hochmotiviert. Sie schätzt die Zusammenarbeit mit Patienten, Kollegen und dem Rettungsdienst, geht gern mit Menschen um. Sie kann sich nichts anderes vorstellen, sagt sie, sie fühle sich angekommen.

Ärztin zu werden, das hatte sie schon als Vierjährige beschlossen, sagt sie lachend. Nach dem Abitur hat die gebürtige Oberpfälzerin aus Sulzbach-Rosenberg in Regensburg Medizin studiert, sich auf Innere Medizin spezialisiert und war zehn Jahre an der Universität Regensburg tätig, auch in Notaufnahme und Intensivstation. Dann, sagt sie, ist ihr eine Stellenanzeige des Klinikums untergekommen, gesucht wurde eine Oberärztin für die Notaufnahme. Sie hat eine Bewerbung geschickt. Das ist elf Jahre her.

Jeder Tag eine neue Herausforderung

„Ich bin ein Blaulicht-Junkie“, meint sie lachend. Jeder Tag sei anders, jeder Tag fordere einen neu heraus. Es gehe um schnelle Hilfe, um das Vermitteln von Sicherheit in extremen Situationen. Regelmäßig, wenigstens einmal pro Monat, fährt sie noch immer selber als Notärztin, willkommener Gegenpol zum hochgradigen Papierkram, der täglich von ihr zu erledigen ist. Daheim greift sie zum Ausgleich gerne zu einem „nicht medizinischen Buch“ oder geht auf Reisen.

Notaufnahme. Das ist auch ein Ort, der Unzufriedenheit und Aggression hervorrufen kann. Im Fokus dabei – die Wartezeit. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass nach wir vor zu viele Menschen hier Hilfe suchen, die kein Fall für eine Notaufnahme sind, sondern für den Hausarzt oder für die Apotheke. Kein Straubing-Phänomen, darunter ächzen die Notfallzentren von Krankenhäusern bundesweit. Einerseits ist es ehrenwert, dass Menschen so viel Vertrauen in diese Anlaufstelle setzen, andererseits sorgen sie ganz lapidar ohne Not für „Verstopfung“ der vorhandenen Versorgungs-Kapazität.

Spitzentag war der 29. Dezember

Über 100 Patienten sind der ganz normale Durchschnitt an einem Tag. 40.000 Patienten zählte das Notfallzentrum vergangenes Jahr. Spitzentag war der 29. Dezember - nicht zufällig nach den Weihnachtsfeiertagen. 149 Patienten waren an diesem Tag zu versorgen. „Es waren nicht alles Notfälle am 29. Dezember“, sagt Dr. Stefanie Lang, viele wären in einer Hausarztpraxis an der richtigen Stelle gewesen. Das ist die Schattenseite. „Wir sind der verlängerte Arm der Hausarztpraxen“, beschreibt sie das seit Langem bekannte Manko. Schätzungen zufolge seien nur 30 Prozent tatsächlich Notfälle, 70 Prozent nicht. Wegschicken dürfe man niemand.

Solche Tage gingen dem Team an die Substanz und die 22 Behandlungsplätze seien dann schnell ausgebucht, sagt Dr. Stefanie Lang. Hinzu komme Zeit, die man für das Erstellen von Laborergebnissen und Untersuchungen mit Apparaten, etwa Röntgen, brauche. Erst dann könne entschieden werden, wie es mit dem Patienten weitergeht, etwa ob er entlassen oder auf eine Station verlegt werden soll. All das brauche Zeit, während schon die nächsten Patienten warteten.

Nach Dringlichkeit eingestuft

Ein Notfallzentrum arbeitet tagtäglich mit dem vielzitierten Schlagwort Triage. Die ankommenden Patienten würden nach einem standardisierten Abfrageschema von geschulten Pflegekräften nach Dringlichkeit eingestuft, erklärt die Ärztin. Rot sei die oberste Stufe an Dringlichkeit, Orange stehe für eine Behandlung binnen zehn Minuten, gelb binnen 30 Minuten, Grün binnen 90 Minuten, Blau für 120 Minuten.

Das Spektrum in der Notaufnahme reiche von Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfallopfern bis zu Schnupfen und eingewachsenem Zehennagel. Deshalb sei Kommunikation die größte Herausforderung, sagt sie, Ruhe bewahren, Humor und ein ehrliches Lächeln könnten manchmal genauso entlastend sein wie eine gute Entscheidung. Ihr ist bewusst, dass den Wartenden oft helfen würde, wenn man bekunde, dass sie nicht vergessen seien, aber dazu fehle an manchen Tagen einfach die Zeit. Sie ist sicher, die Herausforderungen werden nicht kleiner, ganz zu schweigen von Bedrohungslagen und Krisensituationen jeder Art.

Die Mentalität vieler Menschen habe sich geändert, meint sie. Früher habe man bei Kopfschmerz, Schnupfen oder Durchfall in der Apotheke ein Medikament geholt, deutet sie an. Diese Bereitschaft sei zurückgegangen. Mancher wolle auch keine Hausarztpraxis aufsuchen, weil ihm da gerade im Winter zu viele hustende und schniefende Menschen im Wartezimmer begegneten. Und wieder andere umgingen das Problem, dass Facharzttermine heute oft nur mit langer Wartezeit zu bekommen seien, mit dem Gang zur Notaufnahme, in der Überzeugung, da gehe es schneller. Und dann gebe es auch noch Dr. Google, dessen Aussagen beim Laien Verunsicherung schürten. „Unser größter Feind“, sagt sie.

Dr. Google schürt Verunsicherung

Die benachbarte Bereitschaftspraxis der Kassenärztlichen Vereinigung, die dieses Überlastungs-Problem mindern soll, schaffe das nur bedingt, so ihre Erfahrung. Dafür seien schon die Öffnungszeiten wochentags von 18 bis 21 Uhr und am Wochenende von 9 bis 18 Uhr zu kurz. Ihre Wunschvorstellung wäre ein MVZ oder ein gemeinsamer Tresen mit mehr Vernetzung und noch stärkerer Sortierung nach Dringlichkeit und dem richtigen Ansprechpartner.

Deshalb hat sie höchsten Respekt für die Mitarbeiter in der Anmeldung des Notfallzentrums. Sie stemmten einen „Riesenjob“, besorgten Informationen, schätzten ein, schleusten an die richtige Stelle, hätten die Wartenden vor Augen, vertrösteten. Dabei Tür auf, Tür zu. „Da freut man sich über jedes Danke.“ Man lerne aber auch über die Jahre, manches hinunterzuschlucken, sagt sie. Und dann holt sie eine Schachtel aus der Schublade. Sie enthält Postkarten und Briefe. Die Schachtel hat sie von Kollegen zum Einstand bekommen. Es sind Rückmeldungen von Patienten, mit eben jenem nicht alltäglichen Danke. Das baut auf an Tagen mit 149 Patienten. Manche schreiben jedes Jahr, in Erinnerung an den Tag, an dem sie hier in lebensbedrohlicher Verfassung ankamen und ihnen geholfen wurde.

Wichtig ist ihr, dass die Menschen in der Region wissen, dass ihnen hier im Notfall geholfen wird. Deshalb appelliert sie, bei alarmierenden Symptomen, die zum Beispiel auf einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hindeuten könnten, selbst bei Zweifeln den Notarzt zu rufen und die Notaufnahme aufzusuchen. Denn es gibt auch das Gegenteil, Menschen, die trotz aller Berechtigung denken, es wird schon wieder, und niemand behelligen wollen.

Quelle: Monika Schneider-Stranninger, Straubinger Tagblatt vom 17.01.2026

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