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„Es trifft häufiger Frauen als Männer“
Manchmal sterben Partner kurz hintereinander. Das Phänomen wird oft als Witweneffekt bezeichnet. In der Medizin ist das „Broken-Heart-Syndrom“ bekannt, eine stressbedingte Herzmuskelerkrankung. Auslöser kann eine psychische Belastung wie der Verlust des Partners sein. Prof. Dr. med. Sebastian Maier ist Chefarzt der II. Medizinischen Klinik am Klinikum St. Elisabeth in Straubing. Er erklärt, welchen Einfluss der Tod eines geliebten Menschen auf den Körper hat.
MAGAZIN: Ab und an erscheinen in unserer Zeitung Todesanzeigen von Ehepartnern, die kurz hintereinander – manchmal nur wenige Tage – verstorben sind. Liest man sich ein bisschen in die Materie ein, stößt man auf den Begriff „Witweneffekt“. Könnten Sie diesen etwas genauer erklären?
SEBASTIAN MAIER: Der Verlust eines Partners ist eines der einschneidendsten Ereignisse im Leben und führt häufig zu physiologischen Reaktionen des Körpers, also zu Veränderungen biochemischer und biophysikalischer Funktionsweisen des Körpers. Man könnte auch sagen, der Körper reagiert mit Stress auf diese emotional belastende Situation. Bezieht man dieses Körperverhalten auf den Verlust des Ehe- oder Lebenspartners, so taucht der Begriff „Witweneffekt“ auf. Dieses Körperverhalten kann jedoch auch jede andere Person in jeder möglichen Form der emotionalen Bindung treffen und kann Wochen, Monate oder sogar Jahre anhalten. Häufig werden beim zurückgebliebenen Partner psychische Symptome, wie zum Beispiel Angst, Depression, Schuld und Hoffnungslosigkeit ausgelöst. Der Verlust eines Partners ist nachgewiesenermaßen beim Hinterlassenen mit einer erhöhten Krankheitshäufigkeit, häufigeren Krankenhausaufenthalten und mit einer erhöhten Sterblichkeit vergesellschaftet, insbesondere aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Was bedeutet der Tod eines geliebten Menschen, mit dem man fast sein ganzes Leben verbracht hat, für den Körper, die Psyche?
Solche einschneidenden Erlebnisse sind Stressfaktoren für jede Person und beeinflussen das Wohlbefinden und die Gesundheit. Jedes Individuum geht anders damit um und reagiert anders. Die Fähigkeit jedes Einzelnen damit umzugehen und die normale Funktionalität aufrecht zu erhalten, trotz des Einflusses von Stress, wird als Resilienz bezeichnet. Insbesondere durch das Altern wird unser Körper anfälliger für solche Stressoren, auch weil unsere Organe und Gewebe im Laufe der Zeit anfälliger geworden sind. Dies kann unter anderem das Herz-Kreislaufsystem betreffen. In der Literatur gibt es diesbezüglich Hinweise, dass der Verlust eines Partners zu erhöhtem Blutdruck, erhöhter Herzfrequenz und zu veränderter Herzfrequenzvariabilität beim Hinterbliebenen führt. Dabei kann die Herzratenvariabilität ein Maß für die Anpassungsfähigkeit des Herzens an unterschiedliche physische und psychische Belastungen widerspiegeln.
Was bedeutet das konkret?
Diese Veränderungen können unterschiedlich ausgeprägt sein, unter anderem zu Herzrhythmusstörungen, beispielsweise zu Vorhofflimmern oder zum Herzinfarkt führen. Deshalb ist es auch verständlich, dass durch all die genannten psychischen und körperlichen Veränderungen das Sterberisiko nach dem Verlust eines Partners steigt. Zum erhöhten Sterberisiko tragen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zu 50 Prozent bei.
Können Sie noch ein Beispiel für eine Erkrankung des Herzens nennen, die eben durch Stress oder einen Schicksalsschlag ausgelöst wird?
In der Kardiologie gibt es eine Erkrankung, die Stress-Herzmuskelerkrankung und Stresskardiomyopathie genannt wird. Ein Synonym dafür ist auch das sogenannte „broken heart syndrom“ – also das Syndrom des gebrochenen Herzens. Erstmalig wurde diese Erkrankung 1990 in Japan beschrieben, dort als Takotsubo-Herzmuskelerkrankung, da das Bewegungsmuster des Herzens bei Betroffenen der Form einer japanischen Tintenfischfalle ähnelt. Seither findet dieses Krankheitsbild weltweit zunehmend Beachtung. Die Stresskardiomyopathie betrifft häufiger Frauen als Männer und häuft sich im Alter. In der Literatur sind unter den Betroffenen knapp 90 Prozent Frauen mit einem mittleren Alter von 66 Jahren.
Was sind die Symptome des Broken Heart Syndrom?
Die Symptome ähneln denen eines Herzinfarktes. Das häufigste Symptom ist Brustschmerz. Aber auch Luftnot oder Ohnmachtsanfälle können vorkommen. Auslöser kann bei Betroffenen nicht nur ein emotionaler, sondern auch ein körperlicher Trigger sein. Über 35 Prozent der Betroffenen erleiden zuvor ein körperliches Problem, zum Beispiel einen Knochenbruch oder eine Infektion. Bei rund einem Drittel ist eine emotionale Ausnahmesituation, wie Frustration, Konflikte mit anderen Personen, Angst, Trauer oder Verlust des Arbeitsplatzes vorher zu verzeichnen. Ungefähr acht Prozent leiden unter einer Kombination von körperlicher und emotionaler Belastung und bei rund einem weiteren Drittel der Betroffenen ist kein Trigger ausmachbar. Im Rahmen dieser Herzmuskelerkrankungen können Veränderungen im EKG, im Bewegungsmuster des Herzens zum Beispiel mit einem Herzultraschall und auch bei Laborwerten nachgewiesen werden.
Warum schlagen solche Auslöser gerade aufs Herz?
Was die genauen Mechanismen der Krankheitsentstehung sind, ist noch unklar. Als mögliche Ursachen werden die übermäßige Ausschüttung von körpereigenen Stresshormonen im Rahmen der erlebten Stresssituation, eine Funktionsstörung der kleinsten Blutgefäße im Herzen oder das Verkrampfen von großen Herzkranzgefäßen diskutiert. Glücklicherweise kann diese Stresserkrankung durch unterstützende Maßnahmen, insbesondere durch Entfernung beziehungsweise Behandlung des auslösenden Stressfaktors gut behandelt werden. Dabei spielen neben Medikamenten auch psychologische und psychiatrische Behandlungsmethoden eine Rolle. Nur wenige Patienten entwickeln schwerwiegende und anhaltende Herzprobleme in Form von Schock und akutem Herzversagen und können auch daran versterben.
Interview: Sophie Schattenkirchner, Straubinger Tagblatt, Magazin zum Wochenende vom 31.08.2024

