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Auf und an der Seite des Patienten
Am 23. März wird Prof. Dr. Marianne Haag-Webers letzter Arbeitstag sein. Sie tritt nach 29 (!) Jahren Leitung der Nephrologie am Klinikum und der dortigen Dialyseeinrichtung des KfH (Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation e.V.) in Ruhestand. Erst einmal wird sie mit ihrem Mann verreisen, es ist bereits gebucht. Japan ist langgehegtes Sehnsuchtsziel. Ihr Mann, Dr. Christoph Weber, leitender Oberarzt der Gefäßchirurgie am Klinikum, geht zeitgleich in Ruhestand. Ein neuer Lebensabschnitt steht den beiden Ärzten bevor, die die an allen Ecken zitierte Work-Life-Balance nie zu ihrem täglichen Wortschatz zählten. Wir haben mit Prof. Marianne Haag-Weber gesprochen. Sie hat binnen der vergangenen sechs Monate mit ihrem Team die Auditierung als Nephrologische Schwerpunktklinik (DGfN) erarbeitet. Gewohnt akribisch, denn sie ist bekennende Perfektionistin. Das Audit ist glänzend bestanden.
Es ist die zwölfte Klinik in Bayern und die erste in Niederbayern, die diesen Status erhält. „Ansonsten bekommen ihn nur Großkliniken mit 1.000 Betten aufwärts“, sagt sie mit berechtigtem Stolz. Die Urkunde dazu ist eben eingetroffen.
Nephrologie erhält Klinikstatus
Ihr medizinisches Lebenswerk in Straubing krönt darüber hinaus die Einstufung der Nephrologie am Klinikum ab 1. April als eigenständige Klinik. Bisher war sie eine Sektion der II. Medizinischen Klinik (Innere Medizin, Kardiologie, Konservative Intensivmedizin, Angiologie). Kaum weniger freut sie, dass ihre Nachfolge eine Frau antreten wird, Privatdozentin Dr. Lisa Geis, die vom Universitätsklinikum Regensburg wechselt. „Das ist gut.“
Das Audit kommt zum Fazit, dass „die Klinik insgesamt sehr gut aufgestellt“ sei und geprägt von Prof. Dr. Marianne Haag-Weber als leitender Ärztin, die sich um alle Belange kümmere und „eine patientenorientierte, individualisierte Medizin“ vertrete. Die nephrologische Klinik habe Vorzeigecharakter, zeichne sich durch hohen Anspruch des Personals an sich selbst und kontinuierliche Fort- und Weiterbildung aus. Und sie hatte dabei auch immer die Wirtschaftlichkeit im Blick.
Als Prof. Marianne Haag-Weber 1997 in Straubing ihren Dienst angetreten hat, war man von solchen Standards weit entfernt. Es gab keine eigene Nephrologie-Station. Und die Dialyse? Da findet sie kaum Worte. Gereizt hat sie die Möglichkeit, hier Aufbauarbeit leisten und obendrein die Wissenschaft mit der Arbeit am Patienten verbinden zu können. Heute werden in der KfH-Dialyseabteilung 150 Patienten regelmäßig dialysiert. Und die Nephrologie hat eine 24-Stunden-Rufbereitschaft.
Bauchfelldialyse und Nacht-Dialyse
Was das Audit mit „patientenorientierter, individualisierter Medizin“ meint, lässt sich ganz praktisch dokumentieren. Prof. Marianne Haag-Weber hat die Bauchfelldialyse eingeführt, die heute in Straubing einen Anteil von 30 Prozent hat. Bundesweit seien es immer noch nur 6,4 Prozent, sagt sie. Aus ganz Deutschland kämen deshalb medizinische Hospitanten. Sie gilt als Pionierin. Die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) ermöglicht Patienten, sich nach entsprechender Schulung daheim zu dialysieren, dreimal, manchmal auch nur zweimal täglich. Es handelt sich im Gegensatz zur Hämodialyse, bei der ein Gerät das Blut außerhalb des Körpers filtert, um ein Nierenersatzverfahren, bei dem das körpereigene Bauchfell als Filter zur Reinigung des Blutes von Giftstoffen und überschüssigem Wasser dient.
Man kann die Prozedur „rund um sein Alltagsleben“ bauen, sprich die Patienten gewinnen Lebensqualität. Lebensqualität ist überhaupt ein Anspruch, der ihr am Herzen liegt, denn dialysepflichtige Patienten hätten eine schwierige Situation zu meisten, da sollte man ihnen das Leben erleichtern, wo es möglich ist. Was nützt ihm, was passt zu seinem Lebensalltag? Das sind die Fragen, die sie sich immer aufs Neue stellt. Und dafür sei sie auch bereit gewesen zu kämpfen, Widerstände zu überwinden, versichert sie im Rückblick.
Straubinger Nephrologie bundesweit ein Begriff
Sie hat aus dem gleichen Grund als Erste in Deutschland bereits 1999 die Möglichkeit eröffnet, nachts zur Dialyse ins Klinikum zu kommen. Das habe beim Personal zunächst Überzeugungsarbeit gekostet. Sie habe immer darauf geachtet, mit den Ressourcen verantwortlich umzugehen, vor allem mit den Pflegekräften. Es funktioniere und sei heute deutschlandweit etabliert. Kein Wunder, dass die Straubinger Nephrologie bundesweit ein Begriff ist.
Ihr Credo ist, dass es sich um jedes Prozent Rest-Nierenfunktion zu kämpfen lohnt. Es sei ein Unterschied, ob jeder Tropfen, den man getrunken habe, im Körper bleibe und künstlich entzogen werden müsse oder ob man noch ein bisschen selber ausscheiden könne. Um diese Restfunktion der Niere zu erhalten, hat sie Strategien entwickelt, um den Blutdruck zu senken – personenbezogen. Es werde bei der Dialyse auch kein „Zielgewicht“ pauschal festgelegt, sondern jedes Mal individuell ermittelt. Das sei mehr Arbeit, aber das Ergebnis lohne. Nicht minder das Engagement für salzarme bis salzfreie Ernährung, die sich binnen kürzester Zeit positiv auf den Blutdruck auswirkt. Oft hört sie von Ärzten anderer Disziplinen, die Patienten seien da nicht kooperativ. Prof. Haag-Weber findet, es komme auf die Überzeugungskraft an. „Wenn der Patient nicht mitmacht, dann ist das nicht mangelnde Compliance (Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen), sondern dann muss ich als Arzt etwas verkehrt machen“, ist ihre Überzeugung. Sie hat immer auf pragmatische Tipps gesetzt, auch auf ein simples Ampelsystem, was man essen soll und was besser nicht. Ihre Patienten hätten ihr ihr Engagement gedankt, auch jenes für Organspende. Allein in Straubing warten 30 bis 40 Patienten auf eine Spenderniere. Oft zehn Jahre. Einer ihrer früheren Patienten, Siegfried Bäumel, hat sie sogar für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen, mit dem sie 2022 ausgezeichnet worden ist.
In dem Fachgebiet die Bestimmung gefunden
In der Nephrologie hat sie ihre Bestimmung gefunden, „der Topf seinen Deckel“. Nach dem Studium in Regensburg, wo sie ihren Mann kennengelernt hat, hatte sie auf Innere Medizin oder Labormedizin als Spezialisierung spekuliert. In Würzburg ist dann allerdings der spätere Prof. Walter Hörl ihr Doktorvater und Vorbild geworden und hat sie für die Nephrologie begeistert. Als er einen Ruf nach Homburg und dann nach Wien erhielt, ist sie jeweils mit weiteren Ärzten mitgegangen, von Wien 1997 nach Straubing gewechselt, wo nach Jahren berufsbedingter Fernbeziehung auch ihr Mann, inzwischen hochversierter Gefäßchirurg, in seinem Fachgebiet tätig werden konnte.
Hörl, der als Nephrologie international Akzente gesetzt hat, habe „tolle patientenorientierte Medizin betrieben“ und den Patienten immer das Gefühl vermittelt, er habe Zeit, erinnert sie sich. Das habe sie geprägt, ihr imponiert. Als Nephrologe betreue man die Patienten wie ein Hausarzt, aber spezialisiert. Man begleite sie durchs Leben. Man betrachte den Menschen ganzheitlich und schaue auch über den Tellerrand der Dialyse, so ihr Selbstverständnis. Es seien chronisch kranke Menschen, die Empathie verdienten. Sie habe „irrsinig viel Vertrauen zurückbekommen“, so ihre Erfahrung.
Ruhestand, das scheint so gar nicht zu ihr zu passen, obwohl sie überzeugt ist, jetzt sei der richtige Zeitpunkt. Sie will mit ihrem Mann ausgiebig reisen. Und sich dann, wenn sie sich im neuen Lebensabschnitt angekommen fühlt, in ihrem Fachgebiet engagieren: Ein Buch oder Projekt über nierenschonende Ernährung ist eine Idee. Für Organspende werben, eine weitere.
Quelle: Monika Schneider-Stranninger, Straubinger Tagblatt vom 12.03.2026

