Schluss mit dringend - Neues Kontinenzzentrum macht Patienten Mut, sich einem Arzt anzuvertrauen

Zwei von drei Frauen über 50 Jahre leiden unter Blasenschwäche. Doch reden mögen die wenigsten darüber - nicht einmal mit ihrem Hausarzt. Harn- und Stuhlinkontinenz müssen nicht hingenommen werden, sie sind behandelbar, lautete die positive Botschaft bei der Patientenveranstaltung am Montag im Klinikum St. Elisabeth. Parallel zu den vielfältigen Ursachen gibt es eine Menge von Therapien, die bei kleinen Änderungen des Lebensstils beginnen und - wenn sanfte Mittel nicht genügen - bis zur Operation reichen.

Patientenveranstaltung Inkontinenzurs

(v.l.): Chefarzt der Frauenklinik Dr. Carsten Scholz, Dr. Julia Peter (Koordinatorin des Kontinenz- und Beckenbodenzentrums), Funktionsoberärztin Franziska Grumbeck und Chefarzt der Urologie Dr. Christian Gilfrich.

Den rund 70 vorwiegend älteren Besuchern präsentierte Oberärztin Dr. Julia Peter das neue Kontinenz- und Beckenbodenzentrum am Klinikum, dessen Koordinatorin sie ist. Vorteil für die Patienten sei, dass medizinisches Wissen, fachliches Können und die technische Ausstattung im Zentrum zusammengefasst sind. Experten der drei Fachbereiche Gynäkologie, Urologie und Chirurgie arbeiten zusammen, um eine individuelle Lösung bei Blasen-, Stuhlschwäche und Senkungsbeschwerden zu entwickeln. Wichtiger Pfeiler im Zuge der ganzheitlichen Behandlung sei die Physiotherapie, die stationär und ambulant angeboten werde.

Um sich Kontinenz- und Beckenbodenzentrum nennen zu dürfen, sei eine Zertifizierung durch die deutsche Kontinenzgesellschaft erfolgt. „Wir wurden auf Blase, Gebärmutter und Darm geprüft“, sagte die Oberärztin. Um Zentrum bleiben zu können, müssten die Qualität gehalten sowie die Behandlungsverfahren und das Know-How laufend auf den neuesten Stand gebracht werden. „Die externen Prüfer kommen wieder.“ Kontakt zum interdisziplinären Beckenbodenzentrum ist über Telefon 09421/710-6717 möglich. Für einen Termin in der Sprechstunde benötigen Patienten die Überweisung eines niedergelassenen Facharztes.

Laut Funktionsoberärztin Franziska Grumbeck leiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung an Stuhlschwäche. Sie könne in jedem Lebensalter auftreten. Frauen seien häufiger betroffen als Männer. Leider werde das Leiden oft als schicksalhaft akzeptiert. Da viele Ursachen in Frage kommen, sei eine ausgiebige Diagnostik bis hin zu Enddarm-Spiegelung und Ultraschall des Schließmuskelapparats wichtig. Betroffene könnten selbst durch eine Änderung der Ernährung die Beschwerden lindern: Reizstoffe meiden, genügend Ballaststoffe zu sich nehmen sowie Banane, Apfel und Joghurt auf den Speiseplan setzen. Erst wenn alle nicht-operativen Methoden erfolglos sind, sei an eine Operation zu denken - wie an einen künstlichen Schließmuskel.

Dr. Julia Peter unterschied zwischen Belastungs- und Dranginkontinenz sowie verschiedenen Mischformen. Während Frauen vor allem beim Lachen oder Niesen unfreiwillig Urin verlieren, tritt bei Männern insbesondere die Reizblase mit plötzlichem Harndrang auf. Die vielen Formen erfordern unterschiedliche Behandlungsmethoden. Bei Belastungsinkontinenz könne Beckenboden-Training helfen. Bei Dranginkontinenz sollte der Gang zur Toilette hinausgezögert werden, um die Blase zu erziehen. Medikamente und operative Möglichkeiten vom spannungsfreien Band (TVT) bis hin zu Blasenschrittmacher sind möglich.

Der Chefarzt der Frauenklinik, Dr. Carsten Scholz, sprach über den Vorfall (also die Senkung von Blase, Gebärmutter oder Darm bei Frauen), welcher bei einer normalen gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung erkannt wird. Jede zweite Frau, die ein Kind geboren hat, bekomme einen Vorfall. Dieses Tiefertreten von Organen sei die Hauptursache von Belastungsinkontinenz. Entscheidend für eine Behandlung sei der subjektive Leidensdruck. -urs-

 

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