Klinikum-Geschäftsführer Dr. Christoph Scheu wünscht sich
„Stiftung Warentest fürs Gesundheitswesen"
Auf Bundesebene attackiert Barmer-Chef die Krankenhäuser: Veränderungen nötig
Von M. Schneider-Stranninger„Veraltete Strukturen" wirft der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Dr. Christoph Straub, den deutschen Krankenhäusern vor und fordert dringend Veränderungen, vor allem mehr ambulante Versorgungsangebote an Kliniken. Straub hat damit gehörig Staub aufgewirbelt. Wir fragten Dr. Christoph Scheu, Geschäftsführer des Klinikums St. Elisabeth, wie er die Krankenhauslandschaft einschätzt und wie vor dem Hintergrund dieser bundesweiten Kritik das Straubinger Klinikum dasteht, das neuerdings ganz im Sinne Straubs Träger eines beachtlichen Medizinischen Versorgungszentrums ist, in das mehrere niedergelassene Ärzte ihre Praxen einbrachten.
Der frisch ins Amt gekommene Barmer-Vorstandsvorsitzende sei ein ausgewiesener Kenner des Gesundheitswesens, sagt Dr. Christoph Scheu. Vor allem habe er das Timing seiner Aussage als Ablenkungsmanöver wohlkalkuliert. Gerade eben sei nämlich öffentlich geworden, dass die Krankenkassen Milliarden-Überschüsse horteten und eine Beitragssenkung möglich wäre, wenn Bürokratie abgebaut werde. Die Barmer habe gerade fusioniert, da seien „viele Schreibtische doppelt", wie es Scheu formuliert. Er rechnet auf Dauer mit einem weiteren Konzentrationsprozess nicht nur bei den Krankenhäusern, sondern auch den Krankenkassen.
Dem Barmer-Chef gibt er jedoch Recht, dass „die deutsche Gesundheitslandschaft sehr zementiert" sei und fundamentale Veränderungen nötig. Die letzte wirklich große Veränderung habe es unter der Grünen Gesundheitsministerin Andrea Fischer gegeben, und zwar die Einführung der DRGs (Diagnosis related Groups), leistungsbezogener Entgelte. Der bayerischen Gesundheitspolitik stellt er ein gutes Zeugnis aus, vom Bund komme nur „jedes Jahr etwas Neues, um Fehlanreize des Vorjahres zu korrigieren".
„Billiger wird es nicht"
„Billiger wird es künftig nicht", so Scheus Einschätzung. Aber durch Abbau von Bürokratie und Reduzieren auf das medizinisch Sinnvolle, das dann allerdings besser honoriert werden müsse, könnten künftig mehr Ressourcen beim Patienten ankommen. In Deutschland würden im europäischen Vergleich die geringsten Honorare für qualitativ hochwertige medizinische Behandlungen bezahlt. „Es ist genug Geld im System, aber es versickert, wo es dem Patienten nicht nutzt."
Einen Wettbewerb über den Preis gebe es im deutschen Gesundheitssystem nicht. Das sei gut so, allerdings gebe es leider von bruchstückhaften Ausnahmen abgesehen keinen offenen Qualitätswettbewerb als Orientierung für Patienten. „Wir brauchen eine Stiftung Warentest fürs Gesundheitswesen." Mehr Transparenz sei nötig.
Scheus Beispiel für einen weiteren System-Schwachpunkt: Niedergelassene Praxen seien nur fünf Tage die Woche präsent, Kliniknotaufnahmen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr. Das werde über Fallpauschalen hinaus nicht finanziell honoriert. Norwegen fahre mit seinem System besser, meint er, die Entgelte für die Krankenhäuser erfolgten zu je 50 Prozent leistungs- und strukturbezogen. Scheu wünscht sich, dass mehr Qualität auch mehr Honorar bringt.
Einsatz von Hilfskräften
Das Klinikum St. Elisabeth habe ein gutes Jahr hinter sich mit 23000 Patienten, 1000 mehr als im Jahr davor. Die 435 Betten seien ausgelastet, streckenweise sei es schwierig geworden, überhaupt genug Betten zur Verfügung zu stellen. Das sei eine Dauerbelastung für die Mitarbeiter. Deshalb habe man wie andere Krankenhäuser Hilfskräfte eingestellt, die das Pflegepersopnal entlasten, zum Beispiel als Begleitdienst zu Untersuchungen im Haus, beim Essensbestellungen aufnehmen und beim Essen servieren. Überlegt werde, Hilfskräfte beim morgendlichen Waschen der Patienten einzusetzen. „Ergänzend", nicht anstelle der Pflegekräfte, bekräftigt Scheu.
Der Klinikum-Geschäftsführer setzt auf einen „Wettbewerb der Gesundheitsregionen". Um der Konkurrenz der Ballungsräume und größerer Nachbarstädte zu trotzen, setze man auf eine stärkere Zusammenarbeit von Niedergelassenen und Fachärzten des Klinikums. „Wir sind in einem Boot und wollen Straubing für Patienten von außerhalb noch attraktiver machen."
MVZ gegründet
Vor diesem Hintergrund hat das Klinikum als 100-prozentige Tochter ein MVZ (Medizinisches Versorgungszentrum) gegründet. Dazu gehört die Strahlentherapie mit Dr. Christoph Schäfer. Ihre Kassensitze ans Klinikum verkauft oder ins MVZ eingebracht, wie Dr. Scheu das formuliert, haben Onkologe Dr. Matthias Demandt, Dr. Joachim Böhm (Innere Medizin/Nuklearmedizin) und Orthopäde Erwin Gruber. Das Klinikum hat den Kardiologie-Kassensitz von Dr. Reinhold Beckmann gekauft, der in Ruhestand ging, sowie die Radiologie-Praxis von Dr. Renate Kausch, die sich beruflich neu orientiert.
Das Klinikum praktiziert, was Barmer-Chef Straub so dringend einfordert: Mehr Verzahnung von ambulant und stationär „zur Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung". Für die Patienten ändere sich nichts, versichert Dr. Christoph Scheu. Sie hätten weiterhin mit den gewohnten Ansprechpartnern zu tun.
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Quelle: SR-Tagblatt vom 11.01.2012









