Schach dem Männerkrebs
Großer Andrang bei Tag der offenen Tür im Prostatakarzinom-Zentrum am Klinikum
Einen Riesenzulauf erfuhr der erste Tag der offenen Tür im Prostatakarzinom-Zentrum am Klinikum St. Elisabeth. In Kurzvorträgen zu den häufigsten Fragen rund um die Prostata und in praxisnahen Workshops - die viel Raum für persönliche Fragen boten - informierten sich gut 150 Besucher über die hochmodernen Diagnose- und Therapiemöglichkeiten vor Ort. Die Botschaft: Früh erkannt ist Prostatakrebs heilbar. Auch Patienten mit Metastasen dürfen hoffen; durch die Weiterentwicklung der Medizin steigen ihre Chancen auf Heilung.
„Männer leben länger, wenn sie zur Vorsorge gehen", sagte Klinikums-Geschäftsführer Dr. Christoph Scheu bei der Begrüßung. Der Tag der offenen Tür wolle dazu beitragen, dass die Patienten über ihre Krankheit Bescheid wissen. Die moderne Medizin erlaube den Menschen, dass sie immer älter werden, betonte Bürgermeister Hans Lohmeier und wies auf das Da-Vinci-Operationssystem im Klinikum hin.
Dr. Ali Gafar Ahmed, Oberarzt der Urologischen Klinik, ging der Frage nach, ob jeder Mann seinen PSA-Wert kennen sollte. Messbar durch einen einfachen Bluttest sei er zwar der wichtigste Hinweis auf Prostatakrebs. Ein erhöhter Wert könne aber beispielsweise auch auf eine gutartige Prostatavergrößerung hindeuten. Das gesetzliche Programm sehe ab 45 Jahren die Früherkennung vor. Diese Tastuntersuchung sei jedoch ohne PSA-Wert nicht ausreichend.
Chefarzt Dr. Christian Gilfrich, Leiter des Prostatakarzinom-Zentrums, erläuterte die Operation des Prostatatumors mit dem Computer unterstützten Da-Vinci-System. Sehr beeindruckend zeigte ein Video, wie präzise die Roboterarme die Instrumente führen: Sie falteten aus Papier einen Vogel in der Größe eines Zehn-Pence-Stücks. Von der Leichtigkeit und Exaktheit überzeugten sich viele Besucher bei einem Geschicklichkeitsspiel mit dem Da-Vinci-Operationssystem selbst.
Neben der Operation gibt es einen zweiten Therapie-Weg: die Bestrahlung. Privatdozent Dr. Christof Schäfer, stellvertretender Leiter des Prostatakarzinom-Zentrums, stellte die ganze Bandbreite von der 3-D-Technik bis hin zur IGRT (image guided radiotherapie) vor und differenzierte: „Auf die Dosis kommt es an." Den Besuchern riet er, bereits zu Beginn der Erkrankung mit dem Urologen und dem Strahlentherapeuten zu sprechen.
Mit seiner Aussage, dass jeder zweite 50-Jährige ein Prostatakarzinom hat, sorgte Dr. Johannes Moersler, Oberarzt der Klinik für Radiologie, für Staunen. Allerdings sei nicht jedes dieser Karzinome klinisch relevant. „Wo ist die Mammographie für den Mann?", fragte der Oberarzt mit Hinweis auf übersehene Tumore und falsche Diagnosen durch Tastuntersuchung und Bestimmung des PSA-Werts. Als Königsweg pries er die MRT (multiparametrische Magnetresonanztomografie) - das exakteste Verfahren der Prostatadiagnostik ohne Piekser wie bei der Biopsie.
Von den 65000 Männern, die jährlich in Deutschland an einem Prostatakarzinom erkranken, hätten 5000 bereits Metastasen. Der Angst, dass deren Behandlung - wie im Schachspiel - immer einen Zug hinterherhinke, hielt Dr. Matthias May, Leitender Oberarzt der Urologischen Klinik, viele neue Möglichkeiten der Hormonbehandlung und der Chemotherapie entgegen. Natürlich gebe es keine Therapie ohne Nebenwirkungen. Dank der Weiterentwicklung der Medizin seien die Aussichten auf Heilung gestiegen - vergleichbar dem Schachcomputer Deep Blu, der den Schachweltmeister Kasparow geschlagen hat. Oder mit den Worten von Hermann Kesten: „Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer. Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher."
Im Anschluss an die Kurzvorträge herrschte Hochbetrieb bei den Stationen: Urologischer Funktionsbereich, „Lerne deinen Urologen kennen", Radiologie, Strahlentherapie, Station 24 und Test des Da-Vinci-Operationssytems. Am Ernährungsstand lockten Cranberry-Vollkorn-Cookies neben Kürbis-Chutney und viele andere Kostproben der Antikrebs-Diät.
Dass eine ausgewogene Ernährung und Bewegung wichtig sind, bestätigte Helmut Mader von der Prostata-Selbsthilfegruppe Deggendorf, die es seit 2003 gibt. Sinn der Gruppe sei es, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. „Männer sind komisch. Nur 20 Prozent gehen zur Vorsorge", schüttelt Mader den Kopf. Er selbst sei ruhiger geworden, je mehr er über seine Erkrankung wusste.-urs-
Quelle: Straubinger Tagblatt 16.12.2011








